Begeistert leben, gemeinsam wachsen: JÜNGERSCHAFT
(Artikel erschienen in LICHTBLICK, Pfarrbrief des Pfarrverbands Gräfelfing, Erzbistum München, Sommer 2025)
Der Begriff „Jüngerschaft“ taucht im Neuen Testament nicht explizit auf, dennoch ist das Thema zentral: 261 Mal ist von „Jüngern“ die Rede, vor allem in den Evangelien und der Apostelgeschichte. „Jünger“ (griechisch: µαθητής, mathetés) sind jene, die Jesus nachfolgen und von ihm lernen. Das früher ungewohnte, heute aber immer gebräuchlichere Wort „Jüngerschaft“ beschreibt eben dieses Leben und Lernen als Jünger Jesu.
Aber wenn Jesus seine Jünger im so genannten Missionsbefehl doch aussendet: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker.“ (Mt 28,19), warum sprechen wir gerade im Katholischen nicht häufiger von „Jüngerschaft“? Ein Grund liegt in der Übersetzungsgeschichte: Hieronymus wollte im 4. Jh. in seiner Lateinübersetzung der Bibel Vulgata das griechische mathetés möglichst satzbaugetreu ebenfalls mit nur einem und nicht zwei Worten übersetzen (Jünger machen) und entschied sich für docete (lehrt).
Das hatte zur Folge, dass der Missionsauftrag in der katholischen Kirche über 1.600 Jahre lang lautete „Geht also hinaus und lehrt alle Völker: tauft sie … und lehrt sie, alles zu halten.“ Das bedeutet, wir haben gelehrt und nochmal gelehrt – und dabei vergessen, „Jünger zu machen“. Die Jüngerschaft ist das Herzstück des christlichen Lebens und der Kirche. Sie bedeutet nicht nur, Jesus nachzufolgen, sondern auch, in seinem Geist zu wachsen, sich von ihm ausrüsten zu lassen und in der Welt als seine Zeuginnen und Zeugen zu leben.
Die Waffenrüstung Gottes
Ein besonders kraftvolles Bild dafür verwendet Paulus im Epheserbrief: die „Waffenrüstung Gottes“ (Eph 6,13-18). Diese geistliche Waffenrüstung zeigt, wie Jüngerschaft als lebendiger, kämpferischer und zugleich bewährter Weg verstanden werden kann, der den Gläubigen befähigt, im Glauben standzuhalten und den Herausforderungen des Lebens zu begegnen. Paulus fordert die Christen auf, die ganze Waffenrüstung Gottes anzulegen, um „am Tag des Unheils standzuhalten, alles zu vollbringen und den Kampf zu bestehen“ (Eph 6,13). Sie besteht aus sieben Teilen, die für geistliche Tugenden stehen:
1. Gürtel der Wahrheit: Der Gürtel sichert die Kleidung des Ritters und symbolisiert die Wahrheit, die das Leben des Jüngers zusammenhält. Wahrheit ist im christlichen Sinn nicht nur intellektuelle Richtigkeit, sondern die gelebte Treue zu Gottes Wort und zur Wirklichkeit, wie Gott sie offenbart. Jüngerschaft beginnt mit der ehrlichen Annahme der Wahrheit Gottes, die das Fundament für alle weiteren Schritte bildet. Ohne Wahrheit ist der Glaube wackelig und angreifbar.
2. Brustpanzer der Gerechtigkeit: Der Brustpanzer schützt das Herz und die lebenswichtigen Organe. Die Gerechtigkeit, die Paulus meint, ist nicht nur moralische Rechtschaffenheit, sondern die Gerechtigkeit, die aus der Beziehung zu Gott kommt – eine Gerechtigkeit, die durch Christus geschenkt wird. Sie bewahrt den Jünger vor Schuldgefühlen, falscher Selbstgerechtigkeit und Angriffen des Feindes auf das Gewissen. In der Jüngerschaft ist diese Gerechtigkeit Ausdruck eines Lebens, das sich an Gottes Willen orientiert und seine Liebe widerspiegelt.
3. Schuhe der Bereitschaft zum Evangelium des Friedens: Die Schuhe ermöglichen dem Ritter den sicheren Stand und die Beweglichkeit. Die Bereitschaft, das Evangelium zu verkünden, macht den Jünger wendig und mutig, das Gute zu verbreiten und in Konflikten auf Gottes Frieden zu setzen. Jüngerschaft ist immer auch Sendung: Wer Jesus nachfolgt, trägt die Botschaft von Versöhnung und Heil zu den Menschen.
4. Schild des Glaubens: Der Schild schützt vor Angriffen, insbesondere vor den „feurigen Pfeilen des Bösen“, der uns zweifeln sehen will. Der Glaube ist das Vertrauen auf Gottes Treue und Macht, welches diese Angriffe des Bösen abwehrt und den Jünger stärkt in schwierigen Zeiten. Glauben heißt, sich nicht von Zweifeln, Versuchungen oder Anfechtungen überwältigen zu lassen, sondern auf Gottes Verheißungen zu bauen: „Ich bin bei euch alle Tage.“ (Mt 28,20)
5. Helm des Heils: Der Helm schützt den Kopf, also das Denken und die Entscheidungen. Das Heil ist die Gewissheit der Erlösung und des ewigen Lebens durch Jesus Christus. Sie schützt vor Verzweiflung, Angst und geistlicher Verwirrung. Sie gibt dem Jünger Mut und Hoffnung, auch wenn der Weg schwer ist.
6. Schwert des Geistes – das Wort Gottes: Das Schwert ist die einzige offensive Waffe in der Rüstung. Es steht für das Wort Gottes, das lebendige und wirksame Wort, das sowohl verteidigt als auch reinigt und zur Umkehr bringt. Als Jünger sollen wir das Wort Gottes nicht nur hören, sondern aktiv gebrauchen – im Gebet, in der Verkündigung, im Widerstand gegen Versuchungen und Irrlehren. Das Schwert des Geistes befähigt den Jünger, geistliche Kämpfe zu führen und das Evangelium wirksam zu verkünden.
7. Gebet und Flehen im Geist: Paulus ergänzt die Rüstung mit der Aufforderung zum ständigen Gebet, das wie eine „Interkontinentalrakete“ im geistlichen Kampf wirkt. Gebet ist die Verbindung mit Gott, die Kraftquelle der Jüngerschaft, und mit unseren Geschwistern im Glauben. Durch das Gebet wird der Jünger im Geist gestärkt, wachsam und ausdauernd. Es ist das Mittel, durch das die Rüstung wirksam wird und der Jünger in der Kraft des Heiligen Geistes lebt.
Jüngerschaft als lebendiger Weg mit der Rüstung Gottes
Die Metapher der Rüstung zeigt: Jüngerschaft ist kein passives Bekenntnis, sondern ein aktives, lebenslanges Anziehen dieser geistlichen Ausrüstung. Die katholische Kirche versteht Jüngerschaft als Schule des Lebens mit Jesus, in der Lernen, Wachsen und Senden zusammengehören. Diese geistliche Ausrüstung lässt sich gut mit den vier Säulen der Jüngerschaft verbinden: (1) die Liebe zu Gott, (2) die Liebe zum Nächsten, (3) die Bereitschaft sich durch Jesus verändern zu lassen und (4) Einfluss auf unsere Umwelt zu nehmen. Die Wahrheit, Gerechtigkeit, der Glaube und das Evangelium sind Ausdruck dieser Liebe und Veränderung, die im Alltag sichtbar wird. Die Rüstung schützt und befähigt den Jünger, diese Säulen zu leben und andere auf dem Weg mitzunehmen.
Jüngerschaft ist kein Einzelkampf, sondern geschieht in Gemeinschaft: im Gebet füreinander, in gegenseitiger Ermutigung und im gemeinsamen Zeugnis. So werden Jünger zu Lehrern und Sendboten, die Jesu Auftrag erfüllen, alle Völker zu Jüngern zu machen (Mt 28,19). In der katholischen Kirche gibt es vielfältige Formen der Jüngerschaftsschulung, die auf dieser geistlichen Ausrüstung aufbauen: Katechesen, Gebetsgruppen, Exerzitien, Missionen und Kurse wie Alpha oder Cursillo. Diese Angebote helfen, die Rüstung Gottes bewusst anzuziehen, zu üben und im Alltag zu leben. So wird Jüngerschaft zu einem dynamischen Weg, der den Glauben stärkt und die Kirche lebendig macht.
Fazit: Jüngerschaft als Königsweg
Die „Ritterrüstung Gottes“ ist ein kraftvolles Bild für Jüngerschaft – gerade auch in der katholischen Kirche. Sie macht deutlich: Jüngerschaft ist ein geistlicher Kampf, geführt mit Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden, Glauben, Heil, Gottes Wort und Gebet. Diese geistliche Ausrüstung befähigt, standhaft zu bleiben, im Glauben zu wachsen und den Auftrag der Kirche zu erfüllen. Jüngerschaft ist ein lebendiger, lebenslanger Prozess der Umgestaltung, Gemeinschaft und Sendung – der Königsweg, auf dem wir mit Gottes Rüstung siegreich bestehen.
Zum Autor: P. Thomas Gögele LC ist leidenschaftlicher Evangelist für Alpha, Jüngerschaft und geistliche Erneuerung in Österreich (Kontakt: thomas.goegele@dibk.at)